Interview with guitarist and singer Christoph Wieczorek of annisokay (German version)

Original version. Click here for the (translated) English version.

Cristina: Gratulation zum neuen Album! Wie fühlt es sich an, euer neuestes Werk endlich mit der restlichen Welt teilen zu können?

Christoph: Super geil! Wir sind zum einen erleichtert, dass der ganze Stress nun endlich vorbei ist, zum anderen sind wir aber auch stolz auf das, was wir da geschaffen haben. Die ersten Resonanzen zu den Singles waren ja schon überschwänglich, deshalb hatten wir auch keine große Sorgen mehr, dass der Rest des Albums nicht auch gut ankommt, und wir scheinen auch Recht behalten zu haben!

C: Wie ist das neue Album zustande gekommen?

Ch: Ich bin hauptberuflich Produzent und habe deshalb ein eigenes Studio. Das ist natürlich für unsere Band ein super Vorteil. Wir können jederzeit und so lange wir wollen an unseren Songs arbeiten und an den Details feilen, bis wir wirklich happy sind. Das ist aber gleichzeitig auch ein Nachteil. Man steckt sich nicht wirklich genaue Zeitrahmen ab und am Ende stellt man fest, dass man in sechs Wochen das Album abgeben muss, obwohl man gerade mal 5 Demos fertig hat. Wir haben uns deshalb komplett im Studio eingeschlossen und nichts anderes mehr gemacht als an den Songs zu arbeiten. Mein Freund Benny Richter, welcher unter anderem die Caliban und Emil Bulls Platten produziert hat, hatte glücklicherweise kurzfristig Zeit uns bei der Produktion etwas unter die Arme zu greifen. Dadurch haben wir am Ende doch alles gut geschafft und im Nachhinein konnten wir feststellen, dass dieser Zeitdruck der Platte am Ende sogar gut getan hat.

C: Was unterscheidet „Arms“ von euren bisherigen und vor allem von der letzten Platte?

Ch: Wir haben einfach noch mehr unseren Sound gefunden. So ein Album ist immer ein Schnappschuss von der Band, wie sie in der jeweiligen Zeit klingt, und worüber sie singen will. Man kann deshalb bei unseren Alben ganz schön unsere Entwicklung und „Reise“ raushören die wir über die Jahre gemacht haben. Wahrscheinlich ist die Reise noch nicht zu Ende, aber man kann definitiv hören, dass Arms noch erwachsener, roher, organischer und melancholischer klingt als Devil May Care.

C: Genauso wie „Arms“ zwei verschiedene Bedeutungen haben kann, erscheint es mir, als seien auch viele eurer neuen Songs mehrdeutig. Was steckt lyrisch hinter dem neuen Album?

Ch: Wir lieben es Songs zu schreiben, die die Fans auf ihre eigene Weise interpretieren können. Oft fühlen sich Hörer verstanden von einem Text, obwohl wir eigentlich ein ganz anderes Thema im Kopf hatten. Tatsächlich gibt es für jeden einzelnen Song auf Arms ein ganz konkretes Thema oder eine Sache die uns beschäftigt oder inspiriert hat. Ein allgemeines 
Oberthema gibt es dabei aber nicht. Wir singen über alles was uns beschäftigt. Zwischenmenschliche Probleme (“Good Stories”, “Sea Of Trees”) genauso wie sozialkritische Weltprobleme (“Innocence Was Here”, “End Of The World”, “Humanophobia”) kommen in den Songs vor.

C: Hast du einen Lieblingssong auf dem neuen Album?

Ch: Ich habe keinen Lieblingssong, nein. Wenn ich jetzt die Platte anhöre gibt es aber Nummern die ich mir eher anhöre als andere. Ein Beispiel dafür ist “One Second”. Der Song ist musikalisch etwas ganz anderes als wir sonst gemacht haben. Wir haben viel mit Akkorden experimentiert und coole Rhythmus- und Synthie-Elemente in den Song gepackt. Generell hatten wir extrem viel Spaß beim Writing über Genregrenzen hinaus zu denken. Ich denke das fehlt vielen Metalcore Bands momentan, wodurch das Genre einfach langweilig wird und alles gleich klingt.

C: Du bist ja für die Produktion eurer Alben zuständig. Was ist dir als Produzent bei der Entstehung einer neuen Platte besonders wichtig?

Ch: Die Qualität der Songs! Alles andere wie coole Synthie Sounds oder der Mix sind dem nachgestellt. Wenn die Songs nicht geil sind wird am Ende niemand die Platte feiern. Und bei den Songs geht es nunmal am Ende um Melodie, Rhythmus, Harmonie und Emotion. Letzteres versuche ich in der Performance im Studio am besten einzufangen!

C: Bisher wurden zwei Videos zu euren Singles „Unaware“ und „Coma Blue“ veröffentlicht. Kannst du uns erzählen, was jeweils das Konzept hinter dem Video ist?

Ch: Unaware spielt in einer Zukunftsvision die nach einer Art Apokalypse stattfindet. Alle Menschen sind nur noch Teil eines großen Systems, in dem Zeit als Währung dient. Jeder muss arbeiten um den Timer an seinem Arm wieder aufzufüllen. Läuft der Timer ab so stirbt man. Zumindest befürchten das alle. Am Ende des Videos läuft der Timer der Protagonistin ab, anstatt zu sterben erwacht sie jedoch neu und ist von der Last des Zeitdrucks befreit. Ein bisschen ist das eine überspitzte Darstellung unserer heutigen Gesellschaft. Wir hetzen nur noch von Termin zu Termin, sind nur am Arbeiten und vergessen eigentlich den wichtigsten Teil, nämlich das Leben selbst.
Coma Blue hat eine weniger tiefgreifende Message. Wir wollten einfach den Zuschauer auf einen verrückten Trip, eine Art Albtraum, mitnehmen. Das Video ist quasi ein Oneshot (also ein Video ohne Schnitt) bei dem wir viele Tricks angewendet haben um den Zuschauer zu verwirren.

C: Ihr wart fast einen Monat lang in den USA auf Tour unterwegs. Wie würdest du eure Erfahrung beschreiben und vor welche Herausforderungen wurdet ihr während eurer Zeit dort gestellt?

Ch: Unsere Erfahrungen waren durchweg positiv! In unserer Bandgeschichte war diese Tour die mit Abstand längste. 28 Shows in 31 Tagen. Und es war großartig. Wir hatten die Möglichkeit, dieses riesige und vielfältige Land fast vollständig zu 
besuchen. Von den Metropolen wie New York City, Atlanta, Dallas, Los Angeles bis zu den für Europäer eher unerkannten Städten wie St. Paul, Madison, Des Moines oder Ocala sind die USA beeindruckenden. Im Atlantik und um Pazifik waren wir surfen. In Salt Lake City besuchten wir die riesigen ausgetrockneten Salzseen. Im Black Forrest, Colorado drehten wir während der Tour unser erstes Video auf amerikanischen Boden. In Arizona kamen wir nachts in einen Sandsturm. Insgesamt legten wir ca. 15.000 km zurück. Fremd haben wir uns nie gefühlt. Wir können nur über eine unglaublich herzliche Gastfreundlichkeit der Amerika und eine große Aufgeschlossenheit der Fans bei den Konzerten berichten. Die Herausforderungen war unsere Unerfahrenheit. Angefangen bei unserem Equipment und dessen Stromversorgung bis hin zur Planung der Flüge und das Mieten unseres Bandwagons war alles spannend. Angekommen in den USA bekamen wir die kurzfristige Absage unseres Fahrers, der wichtigste Job der ganzen Crew. Wir fanden zum Glück schnell Ersatz, aber wie bei allem kauften wir die Katze im Sack. Ehrlich gesagt war genau das aber auch der Reiz dieser Tour.

C: Lustigste Geschichte von der letzten Tour?

Ch: Fangen wir mit der dem „schlimmsten“ Konzert an. Das hatten wir in Lubbock, Texas. Bei dem ziemlich spärlich besuchten Konzert ließ uns das Herzstück unserer Technik im Stich und wir hatten eine gefühlte Endlosigkeit zu mit eloquenten Einlagen zu überbrücken. Die Sprachbarriere kam uns da vielleicht sogar entgegen. Ein deutscher Akzent wird von Amerikanern sehr sympathisch aufgenommen. Dennoch ist es unendlich peinlich auf der Bühne zu stehen und einfach nicht spielen zu können. Bei 31 Tagen auf Tour kommt es auch einfach mal vor dass einer von acht Reisenden auch mal vergessen wird. So waren wir vor einem Konzert in einer Mall und fuhren ohne unseren Photographen Felix zur Show. Erst beim Club merkten wir dass er fehlte. Witzig dabei war, dass Felix nicht auf die Idee kam wir seien ohne ihn gefahren. Er dachte, er hätte sich verlaufen und konnte den Bus nicht mehr finden. Er lief also eine halbe Stunde lang um diesen riesigen amerikanischen Einkaufstempel und verzweifelte an seiner eigenen Orientierung. Beim Abschluss-Foto der ganzen Tour-Crew haben wir ihn dann zum zweiten mal vergessen. Aber wer denkt bitte bei einem Foto daran, dass der Photograf auf dem Photo fehlt.

C: Die Band gibt es ja schon seit über 10 Jahren – wie hat sich die Musikszene in dieser Zeit aus deiner Perspektive verändert? Und wie glaubst du, dass sich der Musikmarkt in den nächsten Jahren entwickeln wird?

Ch: Das Internet hat natürlich alles verändert, und vor allem die Art wie Musik die Hörer erreicht. Das Musikfernsehen der 2000er gibt es so gut wie gar nicht mehr. Musikvideos laufen nicht mehr bei MTV oder VIVA sondern bei Youtube und Facebook. Die Möglichkeit durch das Internet in kürzester Zeit eine Masse von Fans 
zu gewinnen ist sehr groß, die Konkurrenz dabei aber noch viel größer. Ein Musiker kann heutzutage mit geringen finanziellen Budget bereits hochwertige Aufnahmen produzieren. Demnach gibt es so viele Bands und Solo-Artists wie noch nie. Für den Hörer ist das auf der einen Seite spannend, auf der anderen Seite ist der Hörer vielleicht völlig überfordert durch dieses Überangebot. Es scheint paradox zu sein, aber irgendwie ist alles anders aber dennoch gleich. Newcomer stehen wie eh und je vor der Herausforderung mit neuen und kreativen Ideen den Hörer zu überzeugen und vor allem einen eigenen Sound mit Wiedererkennungswert zu kreieren. Der Musikmarkt steht meiner Meinung dabei weiterhin vor der Herausforderung sich endlich vom Medium der CD zu lösen. Technisch ist die CD völlig veraltet und es gibt sicher bereits viele Leute, welche noch nicht einmal mehr ein CD Player besitzen. Streaming ist die Zukunft, wahrscheinlich bereits die Gegenwart. Aber dennoch will ein Fan aus gutem Grund auch etwas physisches zur Musik besitzen. Zu einem Album gehört ein Artwork, genau wie zu einer Single ein Musikvideo. Man geht auch zu einem Konzert um eine Band zu sehen, nicht nur zu hören. Ich bin gespannt welche Wege die Industrie aber auch die Künstler finden werden um ihre Musik abseits der CD greifbar zu machen.

C: Und schließlich: Worauf freust du dich in diesem Jahr am meisten?

Ch: Wir freuen uns riesig auf unsere eigene Headline Tour zu unserem neuen Album ARMS! Diese startet am 17. Oktober und unser neuen amerikanische Freunde von I Set My Friends On Fire begleiten uns! Diese Tour führt uns durch UK, Deutschland und Österreich, bevor wir zum ersten mal nach Japan fliegen für weitere 4 Konzerte. Diese Jahr haben wir bereits zwei Support Touren gespielt, mit Callejon und den eben besagten I Set My Friends On Fire in den USA. Dennoch ist eine eigene Tour sehr besonders. Die Besucher kommen hauptsächlich wegen dir oder eben nicht. Der Druck ist demnach höher, aber auch der Ertrag. Man hat die Möglichkeit eine eigene Show zu kreieren und ein deutlich längeres Set zu spielen. Für uns wird es unglaublich aufregend sein die neuen Songs vom neuen Album ARMS zu spielen. Raus aus der Routine, mit frischem Wind unter den Flügeln. Wir können es wirklich kaum abwarten!

Vielen Dank an Christoph für das Interview.

Das Review zu “Arms” (Englisch) findet ihr hier.

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